Impulse zur Zeit

Impulse zur Zeit für Religionslehrerinnen und -lehrer

Lebenslinien, die sich entwickeln und verwickeln in der Zeit … wie Algen am Strand.

Da ist jemand, aus dem sie sind und leben, aus dem sie hinausgelassen sind ins Dasein, doch nie von ihm verlassen
… unendlicher als das Meer: Gott – in Zeit und Ewigkeit.

 

„Der Mensch ist nicht nur das einzige Lebewesen, das Kleidung braucht, um seine Verwundbarkeit zu verhüllen (vgl. Gen 3,21) – er ist auch das einzige, das von sich erzählen, sich in Geschichten „kleiden“ muss, um sein Leben zu bewahren. Wir weben nicht nur Kleider, sondern auch Erzählungen: die menschliche Fähigkeit zu „weben“ bringt Textilien und Texte hervor.“

(Papst Franziskus)

 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Bedenke, Mensch… Die Fastenzeit beginnt mit dem Aufruf an den Menschen, sich seiner Vergänglichkeit, seiner Verwundbarkeit zu erinnern. Mit dem Symbol des Aschenkreuzes wird deutlich: Der Mensch ist Staub, Erde und zur Erde wird er wieder zurückkehren. Am Ende der Fastenzeit brennt das Osterfeuer, Symbol der Auferstehung, des neuen, ewigen Lebens: Jesus Christus rettet und heilt die Menschen in ihrer Verwundbarkeit und Vergänglichkeit.

Mit dem Motiv der Auferstehung und überhaupt der Person Jesus Christus eng verknüpft sind biblische Erzählungen, die die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Dynamik vom Dunkel ins Licht hineinnehmen. Ganz aktuell hat die amerikanische Dichterin Amanda Gorman dieses Narrativ in ihrer Rede zur Amtseinführung von Joe Biden als US-Präsident im Januar 2021 aufgegriffen:

When day comes we step out of the shade, / aflame and unafraid / The new dawn blooms as we free it / For there is always light, / if only we’re brave enough to see it / If only we’re brave enough to be it.

Auch wenn die junge Poetin vor allem auf die gesellschaftliche Situation der Vereinigten Staaten anspielt, so drückt sich in ihrer ‚Inauguration Speech‘ eben diese Spannung von Verwundbarkeit und Heilung wieder, die auch die Ostererzählung vergegenwärtigt: Die Botschaft der Auferstehung verhüllt heilsam die Verletzlichkeit des Menschen.

Eine weitere Verwundbarkeit des Menschen zeigt sich seit mehr als einem Jahr in der Corona-Pandemie. Wir erleben alltäglich und zum Teil dramatisch die zerbrechliche Verhüllung des Menschseins: Wir verhüllen Mund und Nase, um unsere Mitmenschen und uns selbst zu schützen. Menschen werden in Krankenhäuser eingeliefert, ihre Kleidung wird ungefragt ersetzt durch den Kittel der Kranken; an dem Ort, an dem die Hoffnung auf Heilung wächst, steht dennoch zuerst das textile Ausgeliefertsein, eine zerbrechliche Würde, ein tiefer Blick in die eigene Verwundbarkeit.

Die Passionserzählung berichtet davon, dass Jesus seiner Kleider beraubt wird. Die Tradition des Kreuzwegs widmet dieser Szene eine eigene Station, obwohl die Evangelien doch lediglich erzählen, dass die Kleider nach der Kreuzigung verteilt wurden (Mt 27,35). Aber in der Tat berichten alle Evangelien diese scheinbare Nebensächlichkeit. Schon die älteste Schöpfungsgeschichte erzählt nämlich davon, dass Gott selbst dem Menschen Kleidung gab (Gen 3,21). Am Kreuz ist die Entäußerung Gottes bis an den Rand geführt. Am Kreuz ist die Verletzlichkeit des Menschen von nichts mehr verhüllt; hier wird die rettende Solidarität des Gottmenschen mit allem Menschsein offenbar – bis in die letzte Unwürdigkeit, in der nichts mehr am Menschen ist außer „mein Gott, mein Gott“ (Mt 27,46).

Die Fastenzeit und das bevorstehende Osterfest laden uns ein, die Verwundbarkeit des Menschen in den Blick zu nehmen und dabei auf das zu schauen, was ihn umhüllt, die Texte und Textilien, die seine Würde ausmachen. Dem widmen sich die ‚Impulse zur Zeit‘ für Religionsunterricht und Schulpastoral (Näheres s.u.).

Der Bild-Text-Impuls setzt die geschilderte Spannung in Szene und gibt zu denken: Ausgeliefertsein ins bloße Menschsein und geborgen in der Fülle…

 

Wir wünschen Ihnen eine gute Fastenzeit, die Ihnen einen Blick auf Ihr persönliches Menschsein schenkt. Wir wünschen Ihnen zu gegebener Zeit gelingende Schritte aus dem Shutdown heraus und wir wünschen Ihnen vor allem ein Osterfest voller Hoffnung und Freude.

 

Impuls Nr. 2-2021
„Verhüllt verwundbar | Mensch sein“

 

 

Leben im Nebel

umhüllt von unzähligen Staubteilchen
im Sonnenschein golden tanzend

gekrönt von schmutzigen Stacheln
in jede Zelle Schmerz schreibend

gefesselt am aufgerichteten Rückgrat
entstellt vom Balken quer vor Augen

tätowiert vom Tod höchstpersönlich
durchlöchert von Fragen ohne Ende

aufrichtig zu Gottes Mysterium stammelnd
verdächtig von Menschen angezogen und abgestoßen

nicht vollkommen immunisiert gegen das riskante Leben
maskiert mit Feigen-Blatt und Mund-Nasen-Papier

alte Verführung und neue Verwundung ausbadend
im Blut

das an jedermanns Grunde rot blüht

(Angela Große-Hering)

 

Schulpraktische Impulse für die …

...die Primarstufe:

Für die Primarstufe finden Sie hier zwei Impulse, die sich mit dem Thema ‚Kleidung‘ und ihrer Symbolik und Bedeutung für den Menschen beschäftigen. Der erste Impuls spannt den Bogen von der alltäglichen Kleidung der Schüler/innen, ihrer Funktion bis zur textilen Symbolik des sterbenden und auferstandenen Christus. Der zweite Impuls verknüpft die Kleidung des Menschen mit seiner Würde: Menschen, die mit Kleidung diskriminiert werden … Jesus, dem die Kleider geraubt werden. Wo kommt Heilung her?

Impuls für die Primarstufe - Kleider machen Leute? (beschreibbares PDF-Dokument)

Impuls für die Primarstufe - Leben in Würde (beschreibbares PDF-Dokument)

 

...die Sekundarstufe I:

Auch für die Sekundarstufe finden Sie hier zwei Impulse, die die Kinder und Jugendlichen hineinnehmen in die Spannung von Verhüllung und Verletzlichkeit: Der erste Impuls schickt die Schüler/innen auf die Frage ‚Wer bin ich?‘ und zieht den Bogen von der Kleidung als dem Äußeren hin zum inneren Ich. Der zweite Impuls nimmt das diesjährige MISEREOR-Hungertuch zum Ausgangspunkt der Betrachtung: der Mensch zwischen der Erfahrung von Gebrochenheit und Leid und der Hoffnung auf Heilung.

Impuls für die Sekundarstufe I - Wer bin ich (beschreibbares PDF-Dokument)

Impuls für die Sekundarstufe I - Hungertuch (beschreibbares PDF-Dokument)

 

...die Sekundarstufe II:

Das Hungertuch steht auch am Anfang des Impulses für die Sekundarstufe II. Es geht um die Verhüllung, die Verhüllung durch die Kunst, die Verhüllung des Altars in der Fastenzeit, die Verhüllung des Gesichts und die Hoffnung auf österliche Enthüllung

Impuls für die Sekundarstufe II (beschreibbares PDF-Dokument)

Impuls für die Sekundarstufe II (Hinweise für die Lehrkraft)

 

…Schulpastoral inSPIRIerT:

Ich will verletzlich bleiben… Der schulpastorale Beitrag nimmt die Verwundbarkeit des Menschen in den Blick und bietet in zwei Angängen die Möglichkeit, sich ganz innerlich und im Raum Kirche heilsam verletzlich zu erfahren. Die beiden Angänge bauen aufeinander auf: Am Anfang steht die Meditation zum eigenen Selbst, im Anschluss kann in einer Kirche oder auch digital die eigene Verletzlichkeit im Raum des Heiligen umhüllt erfahren werden.

Impuls für die Schulpastoral 

 

Die Impulse zur Zeit wurden gestaltet aus dem Kreis der Referent/innen der Abteilungen 'Schulische Religionspädagogik und Katholische Bekenntnisschulen' sowie ‚Schulpastoral und Hochschulen‘: Dr. Dominik Arenz, Stefanie Bartsch, Barbara Beier, Michael Bold, Beate Brinkmöller, Thomas Bruns, Robert Buchholz, Elke Chladek, Stefanie Esser, Johannes Euteneuer, Marie Euteneuer, Bernd Foitzik, Dr. Nina Frenzel, Andrea Gersch, Birgit Hess, Gregor Hofmeister, Regine Klein, Bernhard Mosbacher, Michael Neumann, Winfried Scharrenbroich, Gabriele Stammen, Michael Wittenbruch, Christina Zimmermann

Redaktion: Andrea Gersch, Dr. Nina Frenzel, Dr. Dominik Arenz

Die ‚Impulse zur Zeit‘ sind CC BY-SA 4.0 lizenziert; abweichende Urheberrechtsangaben sind jeweils am Bild bzw. Text verzeichnet. Sollten wir trotz intensiver Nachforschungen zu Urheberrechten nicht fündig geworden sein, bitten wir um Benachrichtigung der Redaktion.